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Selbstoptimierung #girlpower

selbstoptimierung

Es ist elf Uhr und wir laufen los. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Ich trage meine alten Vans, die Wanderschuhe habe ich zu Hause gelassen.

Heute wandern wir auf einen Berg.

Der Weg ist staubig und schlängelt sich um die Berge. Wir kreisen von Kurve zu Kurve, die Landschaft verschlingt uns ganz sanft. Von oben betrachtet sind wir zwei klitzekleine Pinne, wie schwarze Pünktchen, die sich langsam ihren Weg suchen. Das Dorf, in dem wir starten, hat 292 Einwohner, bis zur nächsten Stadt braucht man 45 Minuten und diese hat wiederum 6329 Einwohner. Wir Stadtmenschen sind in der Einsamkeit und es ist wunderschön! Die Berge um uns stehen dort leise, flüsternd und unüberhörbar zugleich. Wir begegnen Kuhherden, ich pflücke Farn und Bergblumen und bin so glücklich darüber, an diesem Ort zu sein.

Nach genau 2 Stunden und 15 Minuten sind wir schon ganz schön weit oben, haben aber nur knapp die Hälfte des Berges geschafft. Aus dem Rucksack holen wir Baguette und Käse, setzen uns auf einen Felsen und reden. Es ist so ein Gespräch, wie man es für gewöhnlich am Abend mit einer Flasche Rotwein auf dem Tisch führt. Uns kann niemand hören, wir sind ganz alleine hier.

Michel hat ein Foto von mir auf dem Felsen gemacht. Während wir langsam weitergehen, schaue ich auf mein Handy, um es bei Instagram hochzuladen. Ich trage ein Top, welches an den Armen weit ausgeschnitten ist und mir ist heiß vom Laufen. Das Foto sagt: „Ich zeige viel zu sehr deinen Speck.“ Ich schließe Instagram und überlege, ob ich noch ein Foto mit Strickjacke über dem Top machen soll, lasse es aber bleiben. Es ist nur ein ganz kurzer Moment, der verdammt wehtut.

 

selbstoptimierung im internet

Schnell bin ich wieder mit der nächsten Kuhherde beschäftigt und das Foto ist nicht mehr wichtig. Am Abend kommt mir der Gedanke, das Foto gerade wegen seiner Wirkung, die es bei mir auslöst hochzuladen. Ich traue mich nicht, schließe die App ein zweites Mal und fühle mich schwer.

Die Wanderung ist jetzt zwei Wochen her und ich musste immer wieder an das Foto denken. Für mich selber wird aus dem Foto heute nicht nur ein Instagrampost, sondern auch ein Blogpost. Das Foto entstand, nachdem ich stundenlang einen Berg erwandert habe und mir war heiß, denn es waren über 30Grad. Ich frage mich heute, was habe ich mich nicht getraut zu zeigen? Mich umgab atemraubende Natur und ich denke an meine Figur? Noch schlimmer: an meine Figur auf einem Instagrampost!

Mich kostet dieser Post und dieses Foto ehrlich Überwindung. Ihr wisst, auf meinem Blog wird es selten persönlich und nach wie vor zeigt mich das Foto nicht in schönster Form. Trotzdem oder gerade deswegen ist mir dieser Post wichtiger als viele andere Posts. Dieser Tag in den Bergen von Korsika, zusammen mit einem wundervollen Mann an meiner Hand, war so vollkommen. Der Moment war perfekt und ich war glücklich. Das Instagame ist hart, aber wichtiger als das perfekte Foto ist der perfekte Moment, den ich jetzt, im Nachhinein zusammen mit ein paar Worten mit euch teilen muss. So schnell werde ich nicht wieder auf so einem Felsen sitzen, also fuck it.

Dieser Post handelt nicht vom Dicksein, nein. Mit meinen Worten möchte ich sagen, dass wir alle Arme, Gesichter, Haare und Körper haben. Sie da drüben hat Sauerkrauthaare, sie da hat kaum Brüste, meine Nachbarin hat eine Birnenfigur, ich sehe ganz kleine Frauen, einige haben sehr große Nasen und andere ein asymmetrisches Gesicht. Das sind keine Mängel und wir sind keine Ware, auch wenn uns Instagram etwas anderes sagt. Beinahe wäre ich drauf reingefallen, das erschreckt mich und deswegen sitze ich jetzt hier und tippe.

 

monte cintu korsika

monte cintu corsica

Ich will nicht dazugehören. Würde mir jemand eine Einladung zum Club der Selbstoptimierung schicken, ich würde sie zerreißen und drauf spucken. Wenn ich in der Jury für „Germanys Next Influencer“ sitzen würde, würde ich die Bewerberinnen mitnehmen und auf einen Berg wandern. Ich weiß, dass auch die unheimlich schlanken oder unheimlich hübschen Mädchen auf diesem Felsen nicht perfekt aussehen würden. Mutig sein. Für jeden bedeutet Mut etwas anderes. Glaubt mir, ich bin mit diesem Foto mutig. Hauptsächlich für mich aber auch für jede andere Frau, die sich schon mal versteckt hat.

Eine Definition über unser Äußeres, in so einer starken Form, lasse ich nicht zu. Jeden Tag schreit die Selbstoptimierung auf uns ein. In Form von einer riesigen Industrie benutzt sie uns. Es war längst überfällig darüber zu schreiben und zurück zu schreien. Ja, liebe Selbstoptimierung: Was kannst du denn? Was tust du denn für mich? Du tust nichts für mich und ich bin mir sicher, dass du nie so schöne Momente erlebst, wie ich vor zwei Wochen auf dem Berg.

 

 

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16 Comments

  • Reply
    Minza will Sommer
    31. August 2016 at 20:14

    Was für eine Landschaft! Es war wunderbar Deine Urlaubsfotos anzusehen!

    Und hier das… ich sehe Deinen geneigten Kopf, Deine entspannten Schultern, ich ahne Genuss, erinnere mich an Deine Gesichtszüge, Deine Gestik, Stimme, Ausdrucksweise und ich finde schön was ich sehe.

    Bei dem Post ‚Bilder im Kopf‘ am Meer, den ich heute noch mal bei FB teilte, ging es mir ähnlich, ….. aber pffffffffffffffffft!

    Was ist dieses „Selbstoptimierung“ überhaupt? Eigentlich jawohl für sich selbst „optimal“ zu sein, oder?! Mit Schwächen und Stärken und wir sind eigentlich frei zu entscheiden, darüber zu bewerten. Mit selbstkritischem Blick auf Basis von wissender liebevoller Wertschätzung, ein Lebensweg. … sage ich mir selbst. Scheiß auf Fremdoptimierung.

    Fertig. M

    • Reply
      Berit
      1. September 2016 at 14:09

      Ach, meine liebe Maren <3 Danke für deine Worte!
      Deine Bilder vom Meer sind so hübsch!

  • Reply
    Jenny
    31. August 2016 at 20:33

    Es ist fast so, alsob du mir aus der Seele sprichst… Genau so ging es mir in unserem Urlaub! Ich war genauso erschrocken und schockiert zugleich!!!
    Danke für den wunderbaren Post, er hat mein Herz berührt!!!

    Liebe Grüße
    Jenny (HSC;-)

  • Reply
    Bibi
    31. August 2016 at 23:02

    Merci…
    … für deine Ehrlichkeit und deinem gesunden Blick auf das Wesentliche.
    … für deinen Mut so offen zu schreiben.
    … für die tollen Bilder und deine Liebe zu dieser Insel.
    Was ist schon Selbstoptimierung? Irgendwo auf Korsika warst du mit dem Mann an deiner Seite auf einen Berg und warst glücklich. Das ist alles was zählt!
    Liebe Grüße B.

  • Reply
    Linda
    1. September 2016 at 10:16

    Ein toller Post und ganz tolle Bilder.
    Mich nervt das, was Instagram mir vorzuschreiben scheint, was ich angeblich zu posten habe auch – ich halt mich trotzdem nicht dran, ich poste was ich will.
    Ich denke, jeder vernünftige Mensch weiß, dass man nach Wanderungen auf Berge vielleicht nicht mehr so frisch aussieht. So what? Ist halt eben so – that’s life.
    Die Bilder find ich superschön geworden und meiner Meinung nach ist da nichts, was sich verstecken muss. Ich bin sehr froh, dass du dich überwunden hast!

    Liebe Grüße,
    Linda

    • Reply
      Berit
      1. September 2016 at 14:08

      vielen Dank, liebe Linda!

  • Reply
    julia
    1. September 2016 at 11:18

    <3 !

    • Reply
      Berit
      14. September 2016 at 13:28

      vielen Dank!

  • Reply
    Alizeti
    2. September 2016 at 10:41

    <3

    • Reply
      Berit
      14. September 2016 at 13:27

      Danke <3

  • Reply
    Maike
    6. September 2016 at 7:08

    Liebe Berit,

    ich verstehe Dich zu gut! Auch ich kenn diese Selbstzweifel und ärger mich immer, wenn so doofe, selbstkritische Gedanken mir die Schönheit des Moments nehmen.
    Nachdem ich Deinen Artikel gelesen habe, bin ich froh, dass es nicht nur mir so geht. Wobei ich es Dir natürlich von Herzen gönnen würde, wenn Du diese Gedanken nicht hättest…
    Vielleicht müssen wir wieder ein bisschen mehr Kind sein. Da war es egal, wie wir aussahen, wir haben einfach gemacht und uns über die schönen Dinge gefreut.
    Das nehme ich mir heute mit in den Tag. Also: Vielen Dank für Deinen ehrlichen Artikel!
    Liebe Grüße!

    Maike

  • Reply
    Bettina Trapp
    18. September 2016 at 16:51

    Liebe Berit, spontan würde ich sagen, danke für deinen Mut. Aber wieso ist das heutzutage mutig? Wie bekloppt ist das eigentlich, dass wir uns solche Gedanken machen? Ich kann das sehr gut nachvollziehen, denn meine Figur rangiert weit abseits von Gr. 38. Und ich bin außerdem noch ein paar Tage älter, da ist der Lack erst Recht ab. Du bist so eine starke Persönlichkeit und Frau und obendrein wunderschön. Und die Landschaft ist eine Wohltat für die Augen. Selbst optimieren kann man ja auch die eigene Sichtweise und das hast du getan. Klasse und weiter so!

  • Reply
    Nathalie
    19. September 2016 at 7:51

    Liebe Berit,

    Was für ein Post! Danke für diese ehrlichen Worte und die Überwindung über das Thema zu schreiben.

    Du sprichst mir aus der Seele. Instagram ist eine schöne, bunte Welt und meist macht es Spaß ein Teil davon zu sein und hübsche Bilder dafür in Szene zu setzen. Schlimm ist nur, dass man dadurch das Gefühl bekommen kann, die eigenen Bilder und die Selbstdarstellung sind nicht „perfekt“ genug … So what.

    Ich mag dein Bild sehr: es sieht nach Urlaub, Entspannung und einer tollen Erfahrung aus und wieder mal zeigt sich, dass außer einem selbst wohl keiner die Dinge als erstes wahrgenommen hätte die einen so sehr stören.

    Ich finde mich in dieser Wahrnehmung oft selbst wieder. Auch ich bin nicht perfekt (wer eigentlich …?) und habe oft ähnliche Gedanken, wenn ich Bilder von mir sehe oder posten will, dabei kann ich eigentlich echt zufrieden sein.

    Wir sollten alle mehr auf unser Bauchgefühl hören. Wenn man selbst zufrieden ist, dann fallen eh keinem die vermeintlichen Mängel auf.

    Und was zum Teufel soll dieses #startyourdayright?(Danke, Danke, Danke für diese kurzen Snap-Sekunden) Dieses „Right“ ist doch für jeden etwas anderes und äußert sich sicher nicht in der perfekten Smoothie-Bowl oder dem Pseudo-Waschbrettbauch. Echt jetzt.

    Mein Fazit: Toller Post, toller Urlaub und tolles Foto. Punkt.

    Liebe Grüße
    Nathalie

  • Reply
    Britta
    23. September 2016 at 17:06

    So schöne Worte, liebe Berit! So wahr! So ehrlich. Und ja- auch mir sind diese Impulse nicht fremd- alles Unschöne verstecken… Dabei ist das Unperfekte- gerade das, so viel sympathischer, spannender und beseelter. Ich liebe deine Fotos über alles. Diese tolle Landschaft und auch jedes Speckröllchen an dir! Beides gleich wunderschön! Liebe Grüße, Britta.

  • Reply
    Gabriele
    24. September 2016 at 21:26

    Liebe Berit,
    altersmässig könnte ich vielleicht deine Mutter sein. Und wenn ich das wäre, dann wäre ich sehr stolz auf dich, dass du viel früher als ich verstanden hast, das Individualität zählt, gelebte Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit. Das Selbstliebe und Selbstakzeptanz zwei wichtige Werte sind, deren Kultivierung und Pflege sich lohnt unt tausendfach auszahlt.

    Ich finde es bedauerlich, dass so viele Frauen aller Altersklassen sich standartisieren und mainstream werden, auf Kosten ihrer Persönlichkeit und Individualität.

    Bleib dabei, sei echt, sei du. Du bist zauberhaft.

    Herzensgrüsse
    Gabi

    P.s ich geh dir dann mal auf Insta folgen. ?

  • Reply
    Jacqueline
    26. September 2016 at 10:18

    Dieser Post ist zuckerschön!
    Einfach. Ehrlich.
    Und er ermutigt sich selbst zu lieben. Mit sich selbst und zu sich selbst gut zu sein.
    Man lebt viel zu wenig die Momente und viel zu sehr für irgendwelche „So-seh-ich-wirklich-aus-Instagram-Realitäten“

    Bleib wie du bist!
    Zauberschön!

    Jacqueline

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